Offener Brief zur Situation in der Langebrückenstrasse 14

Fulda, den 15. Mai 2017

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Dr. Wingenfeld,

nach unserem letzten Gespräch im November 2016, bei dem auch Stadtbaurat Daniel Schreiner und Bürgermeister Dag Wehner zugegen waren, sind wir mit Ihrer Zusage auseinandergegangen, uns unmittelbar nach Jahreswechsel zu einem erweiterten Gesprächskreis inklusive Investor Christopher Burg, Wolfram Latsch von der AWO Fulda und Christian Schmitt vom Jugendwerk der AWO Nordhessen zusammen zu finden, um die möglichen Zukunftsperspektiven an der Langebrückenstrasse 14 zu erörtern. Wir sind nach bekannt werden des Verkaufes mit dem Impuls an Sie herangetreten, eine mittelgroße Stadt und zugleich das Oberzentrum der Region müsse ein eklatantes Interesse am Bestand einer aktiven und lebendigen Soziokultur haben. Wir als Sprecher der Bürger*innen-Initiative L14 sind auf offene Aussagen von Ihnen gestoßen, in denen Sie die Wichtigkeit nachhaltiger engagierter Angebote gerade auch in einer sich verändernden, zunehmend studentisch geprägten Stadt betont haben. Nach den intensiven Gesprächen mit Ihnen und Herrn Burg, einen möglichen Rückkauf eines Teilstückes des Areals durch die Stadt Fulda nicht auszuschließen, haben wir uns auch im Rahmen der Lenkungsgruppe zum Stadtumbau West als anerkannter Gesprächspartner auf Augenhöhe gesehen. Spätestens mit der schriftlichen Beantwortung einer Anfrage nach der Stadtverordnetenversammlung vom 24. Januar 2017 durch Herrn Schreiner, die Stadt sehe das Vorderhaus als „Ausweich- oder Dauerquartier für einen Teil der Einrichtungen“ haben Sie hier bewusst Hoffnungen geschürt.

Nach den neuesten Erkenntnissen hat das Schiff in dieser Fahrtrichtung allerdings erhebliche Schlagseite erlitten. Obwohl wir Sie mehrfach seit Jahresbeginn an den von Ihnen angekündigten Gesprächskreis erinnerten, haben wir bis heute keinerlei Reaktion erhalten. Die Auslassung jeglicher Information und Ansprechbarkeit in dieser Thematik ist nicht durch die zwischenzeitliche Mietvertragsverlängerung bis Ende Juni 2017 zu entschuldigen. Nach wie vor sehen wir eine Existenzbedrohung der über 20 Initiativen am Standort.

Auch irritieren uns die von Ihnen wie auch von Herrn Burg getroffenen Aussagen über den Status der Kauf- und Bauverhandlungen zutiefst. So wurde in der Lenkungsgruppe durch den Besuch Herrn Martin Geisendörfers in der vergangenen Woche persönlich mitgeteilt, dass noch in diesem Jahr der Lückenschluss durch Bauvorhaben an der Langebrückenstrasse im Bereich der Garagen erfolgen und weitere Bauvorhaben im Frühjahr 2018 umgesetzt werden sollen. Zudem erhielten wir die direkte Information, dass der Eigentumswechsel vollzogen ist, es aber bis zum 30. Juni 2017 eine vertragliche Rücktrittsoption zwischen dem jetzigen Eigner des Grundstückes und den Investoren Burg & Geisendörfer vom Kauf gibt. Die bisherigen Aussagen sowohl von Ihnen als auch von Herrn Burg, die Grundbucheintragung stünde aus unbekannten Gründen noch aus, damit sei ursprünglich bis Ende 2016 zu rechnen gewesen und bis jetzt, fünf Monate später, noch immer nicht erfolgt, stehen schlagartig in gänzlich anderem Licht dar. Der gegenwärtige und Ihnen sicherlich seit geraumer Zeit bekannte Sachstand widerspricht in höchstem Maße den von Ihnen getroffenen Aussagen gegenüber uns, gegenüber der interessierten Öffentlichkeit und nach Protokollierung der jüngsten Stadtverordnetenversammlung vom 8. Mai 2017 auch gegenüber allen Abgeordneten im Stadtparlament jeglicher Parteicouleur.

Dass die vielfältigen Angebote aller Initiativen sowie dem Jugendwerk der AWO Nordhessen seit Bekanntgabe des Verkaufes nicht zuletzt durch die Berichterstattung immensen Zulauf bekommen haben, die bisherigen Besucherzahlen bei Veranstaltungen inzwischen weit übertroffen werden und ein äußerst reges Interesse von weiten Teilen der Bevölkerung auch außerhalb unseres „Dunstkreises“ besteht, ist nicht erst seit dem viel beachteten und gut besuchten Hoffest im September 2016 zu vermerken. Auch die große Teilnahme an der Bepflanzung von Innenhof und „Vonderau Park“ im Rahmen unseres „L14 blüht!“-Angebotes am letzten Aprilwochenende und die zahlreichen Gespräche mit interessierten Besuchern aller Bevölkerungsschichten seit August 2016 zeigen uns, dass der Bedarf an von uns vorgehaltenen identitätsstiftenden Angeboten in der Stadt permanent steigt und die Zukunft des Areals das öffentliche Interesse erreicht hat. So sehen wir die Bepflanzung nicht rein symbolischer Natur, sondern werden durch diese und folgende Veranstaltungen unsere Wurzeln tiefer in den Boden der Langebrückenstrasse graben. Durch diese Entwicklungen sehen wir uns nun darin bestärkt, weiter für den Verbleib aller Initiativen in der L14 einzutreten mit der Losung: Wir bleiben alle!

Wir fordern Sie mit diesem Offenen Brief dazu auf, den Gesprächsfaden mit uns wieder aufzunehmen und die Karten über die möglichen Zukunftsperspektiven in der L14 auf den Tisch zu legen. Wir stehen für die weiteren Planungen, auch nach über 20jähriger Tradition ein nachhaltiges und für die städtischen Finanzen äußerst kostengünstiges Angebot an diesem Standort vorhalten zu können, gerne bereit. Bauen Sie, Herr Dr. Wingenfeld, verloren gegangenes Vertrauen wieder auf.

Mit freundlichen Grüßen

Axel Braun, Elvira Schulenberg, Matthias Söhlke
Sprecher der Bürger*innen-Initiative L14

6 Antworten auf Offener Brief zur Situation in der Langebrückenstrasse 14

  • Gerhild Elisabeth Birmann-Dähne, 74 Jahre jung sagt:

    <<<<es ist mir schleierhaft, warum der Grundbucheintrag nach Monaten bis heute nicht erfolgt ist, Was ist der Grund???
    Als eine ältere Genaration finde ich diesen Platz für die Jugend unbedingt notwendig und unterstütze die Aktivitäten von L14 – – –

  • Ralf Hartmann sagt:

    Es wird ja sowieso schon alles ständig schlimmer!

  • Welche gesellschaftspolitische Relevanz hat eigentlich die Initiative L14 in der Langebrückenstraße? Wie wertvoll sind diese Projekte dort für die konservativ geprägten Menschen in Fulda? Schafft man dort Arbeit für Jugendliche, die anderswo keine Arbeit finden, so wie es Grümel erfolgreich seit Jahren vormacht? Oder hilft man Menschen mit psychischen Problemen, am Arbeitsmarkt teilzuhaben, wie es das Projekt Carisma der Caritas in Maberzell in Zusammenarbeit mit Industriebetrieben wie JUMO seit Jahren erfolgreich versucht? All diese Projekte sind wertvoll für unsere Gesellschaft und werden daher auch vom Land bzw. vom Bund entsprechend gefördert. Bei dem AWO Projekt in der Langebrückenstraße sehe ich da jedoch leider wenig bis gar nichts. Was nicht heißen soll, dass es da nicht entsprechend wertvolle Projekte für die Stadt und die Menschen in Fulda gibt! Doch genau das ist die Frage: warum sollten die heimischen Politiker dieses Projekt L14 und den Verbleib dort unterstützen? Wie wichtig und relevant ist die Jugendarbeit, die dort gemacht wird? Was bringt L14 für Fulda außer ein paar Vollzeitstellen für die Betreiber? Hier müsste viel mehr Wert auf die Darstellung der sinnvollen, gesellschaftlich relevanten Projekte gelegt werden. Das Pflanzen von ein paar Blümchen ist dabei übrigens wenig hilfreich. Damit die Menschen in Fulda begreifen, warum L14 dort erhalten bleiben muss. Oder gibt es das alles nicht? Dann sollte die AWO das Gelände freiwillig räumen!

    • davidb sagt:

      Hallo Tibor,

      in jeder Stadt, egal wie konservativ geprägt sie ist, gibt es eine alternative Szene, die das Stadtleben und die Kultur bereichern. L14 ist nicht auf eine bestimmte Zielgruppe ausgerichtet und die Initiativen sind selbständig organsisiert unabhängig des Jugendwerks der AWO. Hier treffen Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten, Alters, Herkunft zusammen. Für sehr viele Menschen in Fulda ist das L14 der einzige Ort wegzugehen, und Menschen zu treffen und sich gesellschaftlich einfach zu engagieren. Es gibt kaum Orte wo alle willkommen sind und sich ala DIY ausleben können. Hier wird aus fast nichts viel gemacht und geboten. Die Menschen helfen und setzen sich ehrenamtlich ein und schaffen ein vielfältiges und einzigartiges Angebot was seines gleichen sucht. Das Kino 35 zeigt Filme abseits des Mainstreams für 4 €. Die Erneuerbar bietet mit Hilfestellung kostenlose Repartaturen an in angenehmer Café-Atmosphäre. Es gibt eine Siebdruckwerkstatt, eine Nähbar um seine Kleider zu nähen oder zu repariern, einen Kleidertauschladen, der ökologisch sehr sinnvoll ist, da es genug schöne Kleider gibt, die nicht neu gekauft werden müssen. Hier gibt es ein Ort wo Bands spielen können, die nicht auf den großen Bühnen Fuldas spielen. Es gibt eine Trommelsession, eine Tanzgruppe, eine Zirkus und Artistikgruppe und eine FreeImproJam die sich hier regelmäßig trifft. Es gibt einen Queerstammtisch, kleine Konzerte im Underground des Youropa Vereins. Künstler und Handwerker können sich hier ausprobieren und ihrer Kreativität freien Lauf lassen. Foodsharing trifft sich hier, Greenpeace, die Küche für Alle, die Verbraucher-Erzeuger-Gemeinschaft Gelbe Rübe hat ihren Laden in der L14. Alle diese Initiativen und Gruppen sind gut besucht, und der Bedarf ist da, die Konzerte sind ausverkauft, das Kino ist jede Woche gut besucht, und der Garten wächst und wird geplegt und gehegt. Es sind nicht nur ein paar Fuldaer, es sind tausende, die das L14 nutzen, die einen sind aktiv regelmäßig vor Ort und andere kommen einmal im Monat, aber der Bedarf ist da und deswegen gibt es auch diese Angebot. L14 ist ist nicht nur Jugendarbeit, es geht um alle.

      Nennen Sie mir einen soziokulturellen Ort in Fulda, wo so ein vielfältiges Angebot an einem Fleck gibt? Und das alles ist noch ausbaufähig, würde der Grundstein für die Zukunft gelegt werden zusammen mit der Stadt und den zukünftigen Investoren. Kommen Sie vorbei und informieren Sie sich, lesen sie die Skizze der Bürgerinitiative, was unser Gedanke ist, was aus diesem Ort noch werden könnte.

      VG
      David

      • Hallo David!

        Es ist nicht so, daß ich denke, dieses Projekt L14 mit seinen vielen Angeboten es nicht wert wäre, all das an diesem Standort zu erhalten. Nur nach außen kommt von all dem viel zu wenig rüber. Ich war noch nie dort, obwohl ich ein passionierter Computerbastler bin und schon vieles repariert habe. Das hat persönliche Gründe. Doch ich denke, daß es durchaus Möglichkeiten gibt, auch mit einer derart provokativen Fragestellung zu erreichen, daß Sie und Ihre Mitstreiter endlich die Unterstützung bekommen, die Sie verdienen. Wenn es möglich ist, daß einfache Menschen die lokale Politik bewegen können, ein Bauprojekt wie das 2013 geplante Riesenwohnheim für Reiche am Galgengraben zu stoppen, dann sollte es auch möglich sein, den Fortbestand dieser Arbeit der AWO VOR ORT auf Dauer zu sichern. Doch dafür braucht es wesentlich mehr Öffentlichkeit und eine Diskussion darüber, warum Sie nur dort Ihre Arbeit fortsetzen können. Es ist der klassische Widerspruch zwischen alternativem Leben, das sozial unheimlich wichtig ist und dem Drang vieler Investoren, Betonburgen genau dort zu errichten, um dem schnöden Mammon all das Gute zu opfern, für das so viele von Ihnen ihr Herzblut geben. Denken sie daran, daß die Feder (auch die kleine!) ein scharfes Schwert sein kann, mit dessen Hilfe man viel erreichen kann. Wenn man damit andere als Mitstreiter gewinnen kann.

        Obwohl es für mich nicht einfach wäre würde ich gerne mal vorbei kommen. Wann ginge das denn?

        Ach ja, hatte ich ganz vergessen: den Herrn Söhlke (Kekse) kenn ich noch von früher aus der Graf-Spee-Straße. Grüßen sie ihn mal von mir. 😉

        Es grüßt Sie alle herzlich
        Tsk, Fulda

        • davidb sagt:

          Hallo Tibor,

          Danke für deine Worte. Wir nehmen es zu Herzen. Jede Idee und Kritik hilft uns.

          Komm doch einfach mal mittwochs zwischen 14 und 18 Uhr in die Erneuer:Bar.

          VG
          David

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